Die im Verwaltungsbereich, insbesondere im Feuerwehrwesen verwendeten Begrifflichkeiten deuten auf einen Paradigmenwechsel im Selbstverständnis der Behörden hin. Eine Vielzahl von Publikationen spricht vom Wandel der öffentlichen Verwaltungen zu „modernen Dienstleistungsunternehmen".
„Die zunehmende Profilierung der öffentlichen Verwaltung als modernes Dienstleistungs-unternehmen erfordert es, die eigene Kompetenz und Leistungsfähigkeit in der Öffentlichkeit wirkungsvoll zu „verkaufen", ein Konzept, das in den Verwaltungen auf breite Akzeptanz stößt und unter dem Stichwort „Verwaltungsmarketing" zusammengefasst wird. Schließlich gilt es nicht nur, dem Legitimationsdruck einer kritisch eingestellten Öffentlichkeit entgegenzuwirken, sondern auch die Konkurrenzfähigkeit gegenüber Wirtschaftsunternehmen in Beweis zu stellen." [248]
In einer Fachzeitschrift wird eine Leitstelle zum „Callcenter der Gefahrenabwehr" [263], bei der Einsatzabwicklung werden „Best-practise-Beispiele" und bei der Fahrzeugbeschaffung die „Nice-to-have-Variante" gesucht. Das Entfernen der Autoscheiben beim Verkehrsunfall wird zum „Glasmanagement" gekrönt, die Zusammenarbeit der Feuerwehr mit Firmen zur „Public-private-partnership", interne Weiterbildung zur „Inhouse-Schulung"; der Feuerwehrhelm mutiert zum „Head-protection-system".
Markus Pulm [266]: „Die moderne Feuerwehr ist ein Dienstleistungsunternehmen, das ... vorgehalten wird, um bei Bedarf dem „Kunden" ... bei der Bewältigung einer Krise zur Seite zu stehen. Sie ist eine „high reliability organisation" ... innerhalb der Gemeindeverwaltung – innerhalb des „Konzerns" Stadt ..."
Die zum großen Teil dem Wirtschaftsenglisch entlehnten Begriffe zeugen von einem Sinneswandel derer, denen deutsche Wörter für scheinbare und tatsächliche Neuheiten ausgegangen sind. Mit den veränderten Begriffen geht eine stillschweigende Neufassung der Inhalte einher; ganz im Sinne der oben beschriebenen Trends der Ökonomisierung und Globalisierung. Die Feuerwehr, die in ihrem Selbstverständnis bisher eine Mischung aus öffentlicher Verwaltung, lokalem Verein und militärischer Einrichtung gewesen ist, blüht scheinbar eine Zukunft als Wirtschaftsunternehmen [264] [265].
Zunächst enthält die Idee, den Bürger als Kunden zu behandeln und Einsatzhandlungen und Dienstbetrieb nach Effektivität und Effizienz zu beurteilen, viel Positives. Die im 19. und 20. Jahrhundert verbreitete Sichtweise des Bürgers als Bittsteller gegenüber dem Staat ist nicht mehr zeitgemäß; die moderne Betrachtungsweise des Bürgers als Kunden aber eine unzulässige Vereinfachung.
Peter Schaar [267]: „Vielfach wird ... von „Kundenorientierung" gesprochen, wobei sich die Verwaltung als Dienstleistungsunternehmen versteht. Völlig unbestritten ist natürlich, dass der Bürger bei seinen Kontakten zum Staat unterstützt werden muss, dass über seine Anträge zügig entschieden werden sollte und dass seine Fragen prompt und richtig beantwortet werden müssen. Beschreibt dieses Rollenverständnis aber das Verhältnis von Bürger und Staat wirklich zutreffend? ... Der Begriff „Kunde" führt ... vielfach auf eine falsche Fährte. Nach dem Menschenbild des Grundgesetzes, wie die Verfassungen aller modernen Demokratien (in denen von „Kunden" übrigens keine Rede ist), hat der Staat die Menschenwürde zu gewährleisten. Den Bürgern stehen Grundrechte zu, die von staatlicher Stelle zu akzeptieren und zu schützen sind. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass die Bürger in ihrer Gesamtheit ... der Souverän sind, von dem alle Macht ausgeht."
Beim kostenpflichtigen Feuerwehreinsatz (z.B. dem Auspumpen eines Kellers ohne den Aspekt der Gefahrenabwehr) mag der Bürger als Kunde in Erscheinung treten; ansonsten ist er zuerst und zumeist Patient, Opfer, Betroffener.
Die Feuerwehr als Organisation lässt sich niemals komplett mit einem Wirtschaftsunternehmen gleichsetzen. Selbst eine Berufsfeuerwehr wird niemals den Auslastungs- und Kostendeckungsgrad eines Betriebes erreichen und wie eine Firma zu führen sein. Der Grund hierfür liegt in der Art und Weise der Feuerwehrarbeit, die ohne den sozialpolitischen und militärischen Aspekt und die spezifische Ethik nicht vorstellbar und in der freien Wirtschaft ohne Vergleich ist. Die Wirtschaftswelt lebt nicht von Freiwilligkeit, Ehrenamt und Nächstenliebe. Ohne diese Kernpunkte aber ist Freiwillige Feuerwehr, wie sie in Deutschland gewachsen ist, undenkbar.
Die unkritische, vollständige und allzu euphorische Übertragung wirtschaftlicher Sichtweisen auf ehrenamtsbasierende Organisationen kann daher nicht folgenlos bleiben. Wie in allen anderen Teilbereichen der Feuerwehrarbeit auch, ist die Feuerwehrlandschaft kein Experimentierfeld für neue Ideen. Die Folgen einer leichtfertigen Anbiederung an den Zeitgeist müssen abgeschätzt werden.
Wer Veränderungen bewirken will, muss seine „Mitarbeiter" auf diesem Weg mitnehmen; Überzeugungsarbeit leisten. Die Umgestaltung einer Freiwilligen Feuerwehr in Richtung eines Unternehmens ist aber nicht zu vermitteln und von der Mehrheit der Mitglieder schlichtweg unerwünscht. Daher gerät eine Überbetonung von Kosten-Nutzen-Verhältnissen, Haushaltsrechnungen und Kostendeckungsgrad unter Außerachtlassung der Besonderheiten des Ehrenamts zum Totengräber der Organisation in ihrer bisherigen Ausprägung.
Beispielsweise ist es wichtig, bei der Neubeschaffung von Fahrzeugen und Ausrüstung, bei Auszeichnungen und Beförderungen den ideellen Wert für die Wehrmitglieder zu berücksichtigen. Im Bereich der Menschenführung müssen Managementkonzepte kritisch auf ihre Eignung für die Feuerwehr geprüft werden, da in diesem Bereich heute in großem Stil Methoden vermittelt werden, die ethisch fragwürdig sind und gemeinsame Werte eher zerstören, anstatt sie zu befördern.
Wertezerstörende Gedanken finden sich in allen Bereichen der Literatur für Führungskräfte, im Bereich der Menschenführung allgemein und in allen Teilbereichen, z.B. der Psychologie und der Rhetorik. Paradebeispiel ist ein Buch von Gloria Beck, das unverblümt rhetorische Tiefschläge am Rande der strafrechtlichen Relevanz gegen Mitarbeiter propagiert und diese nach einer Skala der ethischen Bedenklichkeit bewertet [268].
Die Gefahr liegt darin, dass solche Methoden von profilierungssüchtigen Führungskräften nur angewandt werden, weil es gerade modern ist. Eine Meinung aus einer deutschen Berufsfeuerwehr:
„Ich bin nicht von der früher war alles besser" Fraktion, aber Feuerwehr ist ein sehr traditionsgeprägter Bestandteil der Gesellschaft. Die Demontage ist in vollem Gange – vorangetrieben von der eigenen Führung. Wer Feuerwehr kommerzialisieren will, züchtet sich selbst Krankheiten heran. Und dagegen gibt es kein probates Mittel." [32]
Auf diesem Weg können auch gute Denkansätze in ihrer Umsetzung gehindert werden, weil besonders ältere Wehrmitglieder mit Recht in eine Verweigerungshaltung übergehen. Schlussfolgernd müssen neue Methoden auf ihre Praxistauglichkeit und ihre Bewährtheit geprüft werden, zumal sich auch die Wirtschaft von einigen „neuen" Konzepten bereits wieder verabschiedet. Zu warnen ist vor Denkansätzen, die die gemeinsamen Werte einer Wehr in Frage stellen und den tradierten Konsens über die Motivation zur Mitarbeit untergraben.